Nur noch 200 Kilometer bis Santiago Tag 4

Lage

  • Füße: habe es mir schlimmer vorgestellt
  • Pilgeraufkommen: hoch
  • Kalorien: übersichtlich, mangels Möglichkeiten
  • Wetter: bewölkt und windig, kühl
  • Stimmung: gut, bin kein Anfänger mehr
Nur noch 200 Kilometer bis Santiago di Compostela

Zum Frühstück mache ich mich schick und ziehe mein feinstes Oberteil (blaue Outdoorbluse) und meine Ausgehschuhe (Flipp Flopps) an. Die Nacht war unruhig. Ich bin romantisch bei offener Tür (fünfter Stock) mit Meeresrauschen eingeschlafen. Um drei habe ich die Tür zugemacht, weil der Krach nicht auszuhalten war. Wie laut der Atlantik sein kann.

Ich habe die ganze Zeit überlegt, wie ich zurück zum Camino finde. Als ich am Fenster sitze, zieht ein Pilger nach dem anderen vorbei. Ich habe ein Hotel direkt am Camino und habe es nicht mal gemerkt.

Siehe Pilger rechts oben auf dem Weg

Der Weg geht direkt am Meer weiter. Es ist kühl und neblig. Das ist besseres Wanderwetter als die Tage davor, da war es schon sehr heiß für mich. Ich treffe auf das Vater und Sohn Duo, sie sind hinter mir, das möchte ich hier mal betonen. Die beiden haben auch auf dem Campingplatz übernachtet und sehen beide sehr fit und durchtrainiert aus. Und jetzt sind sie hiiiiiiiinteeeeeer mir! Deutsche, nicht sehr gesprächig.

Vous avez l´heure, moi j´ai le temps.

Beschriftung auf einem ziemlich ollen Campingbus

Sie haben die Uhr, ich habe die Zeit, steht da auf einem schrottreifen Campingbus aus Frankreich. Ich hänge meinen Gedanken nach und sinniere, ob ich nun die Uhr, die Zeit oder und beides habe. Komme zu keinem Ergebnis. Meine Uhren habe ich alle weggegeben, weil ich sie im Handyzeitalter nicht mehr trage. Aber ich glaube, um das geht es hier gar nicht.

Vor mir geht ein alter Mann mit kleinen Tippelschritten auf den Holzbohlen des Caminos. Es ist der Gang der Dementen. Ich gehe an ihm vorbei und grüße ihn freundlich mit Buon Dia. Er freut sich rießig. Ich trödle mal wieder, mache Bilder schaue mir ausgiebig den Pferdewagen an, auf den frisch geerntete Zwiebeln geladen werden. Er überholt mich und ich überhole ihn wieder. Erneut grüße ich mit Buon Dia und er freut sich nochmal. Ich bleibe stehen und fotografiere, er überholt mich, Buon Dia, er freut sich. So geht das sicher fünf mal und wir haben beide unsere Freude daran. Ich denke an meinen Vater, dessen Kurzzeitgedächtnis auch nicht mehr funktioniert hat.

Der Weg wird ländlicher, das Strandleben weniger und es gibt keine Bars oder Einkaufsmöglichkeiten. Gut, dass ich mir beim Frühstück was eingepackt habe. Hier ist die Zeit stehen geblieben, es ist das Portugal, das ich vor 30 Jahren kennengelernt habe. Die Männer mit ihren Schiebermützen sehen noch genau so aus. Die sind nachgewachsen. Ich mache ein Bild am Strand und einer überprüft ungläubig meine Perspektive. Was ist hier schon wert, fotografiert zu werden?

Vor mir geht eine Portugiesin in Schwarz, der Farbe der Witwen. Sie trägt einen Schurz und sieht geschäftig aus. Bei dem Schritt, den sie draufhat, merke ich, dass sie einen flotten Spaziergang macht. Getarnt in Arbeitsklamotten. Das ist ein sehr schwäbisches Verhalten, das bei uns auf dem Dorf noch heute seine Gültigkeit hat. Sonst meinen ja die Leute, man hätte nichts zu tun.

Heute sind sehr viele Pilger unterwegs. Australier, Kanadier, Italiener und Deutsche. Eine Weile laufe ich mit jungen Italienern, zwei Medizinern und einer Sprachlehrerin, die in Madrid unterrichtet. Sie fragen mich, wann ich den „immer“ so loslaufe. Sie fallen fast um, als ich ihnen zwischen sieben und acht Uhr sage. Das sei ihnen viel zu früh. Gestern sind sie um 11 los. An den Klischees der Nationen scheint wirklich was dran zu sein.

Pilgeraufkommen nach Nationen, empirisch gesichert, absteigend aufgelistet

  • Deutsche
  • Australier
  • Italiener
  • Kanadier

Freundlichkeit und Offenheit der Pilger, empirisch gesichert, absteigend aufgelistet

  • Australier
  • Italiener
  • Kanadier
  • Deutsche

Outfit und Präsentation der Pilger, empirisch gesichert, absteigend aufgelistet

  • Italiener
  • Platz nicht vergeben
  • Platz nicht vergeben
  • Australier, Kanadier, Deutsche

Der Weg führt durch landwirtschaftliche Betriebe: Kohl, Salat, Bohnen, Tomaten. Es ist Ernte und ich würde am liebsten mit pflücken. Eine Portugiesin kämpft mit einem Schubkarren voller Kohl, den sie den Berg hinaufzieht. Ich packe mit an und schiebe ihr den Schubkarren ganz hoch. Ich bin so voller Tatendrang und Hilfsbereitschaft, ob sie das nun will oder nicht. Sie quasselt auf mich ein, bedankt sich und ich glaube, sie hat mir auch gesagt, dass der Schubkarren nicht so weit hoch soll. Als ich weitergehe, schiebt sie ihn wieder runter.

Ich lande in einem sehr nachhaltigen Hotel. Das muss seit mindestens vierzig Jahren nicht renoviert worden sein. Bei meinem Zimmer lässt sich die Balkontüre nicht abschließen. Die Dame an der der Rezeption versichert mir, dass hier nichts passieren würde, sollte ich dennoch vergewaltigt werden, würde sie den Vergewaltiger eigenhändig umbringen. Mir bleibt der Mund offen. Beverly aus Australien, die auch wieder in dem Hotel ist, sagt der Dame, das sei ja sehr tröstlich und erwägenswert. Ich bedanke mich bei ihr, dass sie die Antwort übernommen hat, ich war nämlich tatsächlich sprachlos.

Ich ziehe es dennoch vor, umzuziehen. Das neue Zimmer ist ein klitzekleines bisschen weniger scheußlich als das Vorherige und lässt sich zum Balkon abschließen. Dafür ist das Schloss der Zimmertür kaputt. Immerhin gibt es eine Türkette. Ich erwäge bei Beverly und Hugh im Gräbele zu schlafen.

Boa Noite.

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5 Kommentare

  1. Liebe Beate, bin total gespannt auf Tag 4! Mach’s gut und grüß mir die Australier.😄 Liebe Grüße Andrea

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  2. Bin gerade vom Gardasee zurückgekommen. Dort gab es zwar keine Australier, aber dein Ranking kann ich trotzdem bestätigen😂😂

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  3. Liebe Bea, Danke für die Einladung zum digitalen Mitlaufen! Ich habe Deine bisherigen Einträge studiert und bin sehr angetan davon. Beeindruckend sind Deine Erlebnisse und die tollen Fotos. Und Du schreibst schön, richtig spannend! Mach‘ ein Buch draus 😉 Viel Glück weiterhin auf Deinem Jakobsweg! Liebe Grüße aus Berlin, Dina

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